Thema DDR | 16. Januar 2012
Der Film „DAS SYSTEM – Alles verstehen heißt alles verzeihen“ ist sehenswert

Nennen Sie mich ruhig eine Skeptikerin, aber ein DDR-Bezug in einem Politthriller macht mich misstrauisch. Ich las und hörte vorab von dem Film „DAS SYSTEM - Alles verstehen heißt alles verzeihen" und konnte weder mit der Handlung noch mit dem Titel etwas anfangen. Folgend zunächst die Handlung laut Filmverleih:

Mike Hiller (Jacob Matschenz) ist gerade zwanzig geworden und lebt in den Tag hinein. Zwischen den alten Plattenbauten Rostocks, wo er mit seinem besten Kumpel Dustin (Florian Renner) in einer WG wohnt, schlägt er die Zeit als Kleinkrimineller tot, macht Geschäfte, raucht Joints und träumt mit Dustin von besseren Zeiten.
Dann spricht ihn Böhm (Bernhard Schütz) an, ein alter Freund seines verstorbenen Vaters. Er provoziert ihn und verführt ihn zur Zusammenarbeit. Böhm ist Lobbyist, dreht mit am ganz großen Rad. Eine Erdgas-Pipeline soll von Ost nach West gebaut werden, mitten durch Mecklenburg-Vorpommern. Böhm öffnet Mike das Tor zu einer neuen Welt, in der Macht und Geld regieren. Plötzlich trägt Mike Anzug und Krawatte, lernt, wie man hart verhandelt, die richtigen Freundschaften schließt, und entdeckt, wie es wirklich zugeht in der Welt der Manager. Er lernt, wie man eine Pistole benutzt, und erkennt allmählich, dass die alten Netzwerke der Zeit vor 1989 im Verborgenen weiterhin aktiv sind. Mehr und mehr gerät er in den Bann des charismatischen Böhm, der für ihn zunehmend zu einer Art Ersatzvater wird und ihn mit vorgeblicher Zuneigung manipuliert. Trotzdem bleiben viele offene Fragen und Geheimnisse. Wie stand Böhm eigentlich damals wirklich zu Mikes Vater, bevor dieser starb. Und was hatte er für ein Verhältnis zu Mikes Mutter Elke (Jenny Schily)? Mike spürt, dass es da noch mehr Antworten gibt, und beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Aber das mögen Böhm und seine Freunde von früher gar nicht. Die alten Seilschaften sind weiterhin fest geknüpft. Das System lässt keinen los - und alles hat seinen Preis. Mike muss sich entscheiden. Er will alles verstehen. Aber kann er auch alles verzeihen?

Als ich den Film noch nicht gesehen hatten, fielen mit bestimmte Formulierungen besonders auf: „...erkennt allmählich, dass die alten Netzwerke der Zeit vor 1989 im Verborgenen noch weiter aktiv sind." und „Die alten Seilschaften sind weiterhin festgeknüpft". Das klang mir alles zu sehr nach Verschwörung und nach Unterhaltung auf Kosten der Annahme, dass die ehemaligen Mitglieder der Staatssicherheit durchweg noch mächtigen Positionen innehaben und miteinander klüngeln.

Aber letztendlich nimmt dieser Aspekt zwar eine wichtige, aber keine tragende Rolle in dem Film ein. Es geht hauptsächlich um einen jungen Mann, dem die Orientierung fehlt. Der durch einen väterlich auftretenden, brutalen, undurchsichtigen und charismatischen ehemaligen Freund der Familie lernt, dass Korruption funktioniert, Vorteile verschafft und zum Erfolg führt. Der Preis ist gering, Erpressung überraschend einfach.
Die Orientierung scheint also gefunden, würden die neuen Korruptionserfolge nicht u.a. auf brisanten Akten der Staatssicherheit beruhen. Mike beginnt nun zeitgleich Details aus der Vergangenheit seiner Eltern zu erfahren. Details, die mit Schuld, Moral, Verlogenheit, Mord und Angst zu tun haben. Er kann niemandem wirklich glauben und rennt an gegen Lügen, die einerseits die Wahrheit verschleiern und andererseits ihn selbst schützen sollen.

Für mich nahm der Film nur schwer Fahrt auf und es gab auch ein paar Szenen, die ich nicht so gelungen oder nur schwer verständlich fand. Ohne die inhaltliche Beschreibung vorab (die ich mir extra nicht so genau durchgelesen hatte) erschlossen sich mir nicht alle Handlungsdetails.
Dafür gibt es aber auch Szenen, die einen mitnehmen und die unglaublich intensiv sind. Das Thema Staatssicherheit wird hier nicht für Unterhaltungszwecke „missbraucht", sondern erfüllt eine glaubhafte, wichtige und sogar komplexe inhaltliche Funktion. Man ist als Zuschauer an Mikes Seite, der lernt, dass der vermeintlich einfache Weg nicht immer der richtige ist, dass alles zu wissen eben nicht bedeutet, alles verzeihen zu können. Und so ist es eher ein Happy End zweiter Klasse, welches dem Zuschauer trotzdem ein Stein vom Herzen fallen lässt.

Auf der Internetseite des Films finden Sie zusätzliche Informationen und einen Trailer als Vorgeschmack.

Meine Empfehleung, kurz und knapp: Schauen Sie sich den Film ruhig an, er berührt.