Was wir wollten - was wir sind: Dr. Christian Booß im Gespräch mit Jens Reich

Jens Reich mag (noch) nicht in den Geschichtsbüchern stehen, aber er ist der beste Beweis, dass dies nicht immer verlässlich etwas über die gesellschaftliche Bedeutung eines Menschen aussagt. Als Gast der gestrigen Veranstaltung erwartete ich einen spannenden Bericht über seine Zeit als Bürgerrechtler in der DDR und wurde von seiner Lebensleistung und seinen vielfältigen Wirkungsfeldern beeindruckt zurückgelassen.
von Melanie Alperstaedt (25.11.2016)

Jens Reich mag (noch) nicht in den Geschichtsbüchern stehen, aber er ist der beste Beweis, dass dies nicht immer verlässlich etwas über die gesellschaftliche Bedeutung eines Menschen aussagt. Als Gast der gestrigen Veranstaltung erwartete ich einen spannenden Bericht über seine Zeit als Bürgerrechtler in der DDR und wurde von seiner Lebensleistung und seinen vielfältigen Wirkungsfeldern beeindruckt zurückgelassen.

Geboren wurde Jens Reich 1939 in Göttingen, aufgewachsen ist er in Halberstadt. Er studierte Medizin und Molekularbiologie und arbeitete zunächst als Assistenzarzt. Er promovierte 1964 und ab 1968 arbeitete er am Zentralinstitut für Molekularbiologie, dessen Leiter er 1980 wurde. Er verlor die Abteilungsleiterposition jedoch 1984, da er seine Westkontakte nicht abbrechen wollte und eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit nicht für ihn infrage kam.

So weit zu seiner beruflichen Karriere in der DDR, die auch am gestrigen Abend das erste Thema des Gesprächs mit Christian Booß war. Relativ flott ging man dann zu dem Thema über, das sicherlich viele im Publikum mit am meisten interessiert hat: Reichs gesellschaftliches Engagement als Bürgerrechtler. Bereits 1970 hatte Reich einen „Freitagskreis“ gegründet, in dem man kritisch über das DDR-Regime diskutierte. 1989 dann engagierte er sich als Mitautor und Erstunterzeichner des Aufrufs „Aufbruch 89 – NEUES FORUM“, aus dem er gestern dann auch einige Zeilen vorlas. Der Aufruf wurde von insgesamt 30 Erstunterzeichnern unterschrieben und am 10. September veröffentlicht. Dabei wollte das Neue Forum Plattform für einen politischen Wandel sein und rief die Bürger der DDR auf, sich an der Umgestaltung der DDR-Gesellschaft zu beteiligen und dem Neuen Forum beizutreten.

Besonders eindrucksvoll schilderte er seine Teilnahme an der Demonstration am 4. November 1989, auf der er zu den tausenden Teilnehmern sprach. Dabei ergab es sich erst am Vorabend, dass er diese Aufgabe übernehmen würde! Obwohl er sich selbst nicht als großen Redner empfand, war er mutig genug, betrat die Bühne und erlebte so diese Demonstration anders als die vielen Zuhörer vor der Bühne. Abgeschirmt in einem extra Bereich warteten die Redner gemeinsam, hörten die Menge und waren doch nicht wirklich mittendrin. Reich gab gestern den Zuhörern das Gefühl, als sei dieses Ereignis gerade erst ein paar Tage her und nicht schon über Vierteljahrhundert. Dabei schilderte er seine Erlebnisse sehr eindrucksvoll, persönlich und detailreich. Für mich war dies das Highlight der gestrigen Veranstaltung. Herr Reich hat ganz eindeutig das Talent, allein durch seine Erzählung Zuhörer in eine andere Zeit zu versetzen.  

Er blieb nach der Friedlichen Revolution politisch interessiert und wurde nach der Volkskammerwahl (18.3.1990) Abgeordneter der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR, widmete sich ab 1991 aber dann vermehrt der Forschung. Dies tat er in den USA, kehrte aber nach Deutschland zurück und ist der Wissenschaft stets verbunden geblieben. 1994 wurde er von Bündnis90/Die Grünen als Bundespräsident vorgeschlagen, setzte sich bei der Wahl jedoch nicht durch. In beratender Funktion engagierte er sich von 2001 bis 2008 als Mitglied des Nationalen Ethikrates, von 2008 – 2012 war er dann Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Leider war die Zeit zu knapp, um auf all die interessanten Punkte ausführlich einzugehen. Manches konnte nur angerissen werden, was bei der Fülle an potentiellen Themen aber auch kein Wunder ist. Herr Reich hat viel erlebt, da reichen 1 ½ Stunden Gespräch nicht aus. Trotzdem war der Abend sehr interessant und eine einmalige Möglichkeit, an den Erlebnissen und Erfahrungen von Herrn Reich teilzuhaben.

 

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