Jutta Voigt liest aus ihrem neuesten Werk „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“

Gestern Abend freute sich das DDR Museum, die Autorin Jutta Voigt zu einer Lesung ihres neuesten Buchs „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ begrüßen zu dürfen. Sie teilte mit dem zahlreichen Publikum Auszüge aus ihrer Publikation und bot somit einen ersten Einblick in das spannende Werk über die Sehnsucht nach einem anderen Leben in der DDR.
von Maria Bartholomäus (02.12.2016)

Gestern Abend freute sich das DDR Museum, die Autorin Jutta Voigt zu einer Lesung ihres neuesten Buchs „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ begrüßen zu dürfen. Sie teilte mit dem zahlreichen Publikum Auszüge aus ihrer Publikation und bot somit einen ersten Einblick in das spannende Werk über die Sehnsucht nach einem anderen Leben in der DDR.

Jutta Voigt wurde in Berlin geboren und ist im Ostteil der Stadt aufgewachsen. Sie studierte Philosophie an der Humboldt Universität zu Berlin und arbeitete in der DDR als Essayistin, Filmkritikerin und Redakteurin bei den Wochenzeitungen Der Freitag und Der Sonntag. Seit der deutschen Wiedervereinigung arbeitet sie als Redakteurin, freie Kolumnistin und Buchautorin. Zu ihren bisherigen Werken zählen „Der Geschmack des Ostens“ sowie „Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht“. Zusammen mit dem aktuellen Buch stellt das literarische Ensemble eine Trilogie dar, in der die Zwischentöne und feinen Nuancen der Alltagskultur in der DDR im Mittelpunkt stehen.

 

Passend zum Titel des Buchs schenkten wir an diesem Abend den authentischen ungarischen Rotwein „Egri Bikaver“ aus, zu DDR-Zeiten unter der Bezeichnung Stierblut bekannt. Auch eine originale Flasche des titelgebenden Getränks aus der Sammlung des DDR Museum sorgte bei der Veranstaltung für einen Hauch von Boheme-Atmosphäre. Nach einer kurzen Einführung begann Frau Voigt auch direkt mit ihrer Lesung.

 

„Es war einmal ein Land, in dem Lampen ohne Fransen und Kaffeetassen ohne Blümchen die Parteitage beschäftigen. Ein Land, in dem Filme, Opern und Tänze verboten wurden, weil sie ein paar alten Männern nicht gefielen. Ein Land, aus dem man nicht raus konnte (…). Können Sie sich vorstellen, dass es in diesem Land ein Leben gab, das leicht war und bunt, verzweifelt und verspielt zugleich – das Leben der Boheme?“

Vorwort, S. 11

 

Angelehnt an die Struktur des Buchs las Frau Voigt in zeitlich chronologischer Reihenfolge. Es begann mit Erlebnissen im Klub Junger Künstler in der Chausseestraße im Jahr 1958, in dem die Protagonistin auf Persönlichkeiten wie z.B. John Heartfield oder Manfred Krug trifft. In dem Kapitel „Die Spur der Boheme“ beschreibt Frau Voigt die Erfahrung als Modell für den Maler Ronald Paris. Hier wurde besonders deutlich, dass die Autorin die Szene zwar, wie sie selbst beschreibt, als Beobachterin wahrgenommen hat, jedoch nichtsdestotrotz einen authentischen, wenn auch subjektiven, Rückblick darauf niedergeschrieben hat. Eine wichtige Rolle im Buch spielt auch der Bezirk Prenzlauer Berg, dem Frau Voigt das Kapitel „Der Prenzlauer Berg war eine Haut“ widmet. Besonders unterhaltsam gestaltete die Autorin den Auszug aus dem Kapitel „Staub und Spiele“, in dem sie den Alltag in der Redaktion der Zeitung Sonntag schildert. An dieser Stelle veranschaulicht das Buch das alltägliche Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer bzw. journalistischer Freiheit und staatlicher Bevormundung sämtlicher Arbeitsbereiche.

In „Stierblutjahre“ geht es somit um den alltäglichen Ausbruch aus dem SED-Staat, jedoch innerhalb der Staatsgrenzen. Die Autorin beschreibt Szenen aus dem Leben von Künstlern und Lebenskünstlern, die sich am System reiben und es auf ihre eigene Art und Weise in Frage stellen. Im Mittelpunkt der Publikation steht das Streben, die eigene Individualität gegen die von der DDR-Regierung auferlegten Konformität durchzusetzen. Eine literarische Besonderheit stellen die sogenannten „Zeitansagen“ zwischen Kapiteln dar: Diese verhältnismäßig kurzen Passagen beschreiben Begegnungen mit Menschen aus dem Umfeld der Protagonistin Madleen, die übrigens eine größtenteils autobiographisch angelegte Figur ist und den 2. Vornamen der Autorin trägt. Diese Elemente des Buchs stellen somit einen spannenden Gegensatz zu den thematisch eher breiter gefächerten Kapiteln dar.

Anschließend bot sich den Gästen noch die Gelegenheit, der Autorin Fragen zum Werk zu stellen. Besonders von Interesse war hierbei das Verhältnis der Künstlerszene wie sie Frau Voigt beschreibt und denjenigen Künstlern, die ihr Schaffen eher parteikonform gestalteten. Die Frage, ob von der „Boheme des Ostens“ heute noch etwas übrig ist, verneinte Frau Voigt mit der Begründung, dass die Verwirklichung des Individuums in der heutigen Gesellschaft glücklicherweise eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Wir bedanken uns bei Frau Voigt für die anregenden Einblicke in ihr neuestes Werk und bleiben gespannt auf ihr zukünftiges Schaffen.

Das Buch „Die Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ ist 2016 im aufbau Verlag erschienen und ist für 19,95€ käuflich zu erwerben.

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