Immer der Sonne nach, aber erst gegen Abend

Heute möchte ich Ihnen ein Buch vorstellen, das von einem in der Jugendopposition engagierten, ehemaligen DDR-Bürger geschrieben wurde. Uwe Romanski hat in diesem autobiografischen Werk seine Erlebnisse als Jugendlicher in der DDR verarbeitet und damit gleichzeitig Einblick in den DDR-Alltag einer ganzen Generation gegeben.
von Elke Sieber (27.08.2015)

Heute möchte ich Ihnen ein Buch vorstellen, das von einem in der Jugendopposition engagierten, ehemaligen DDR-Bürger geschrieben wurde. Uwe Romanski hat in diesem autobiografischen Werk seine Erlebnisse als Jugendlicher in der DDR verarbeitet und damit gleichzeitig Einblick in den DDR-Alltag einer ganzen Generation gegeben.

Der Autor wurde 1963 geboren und wuchs in Neubrandenburg zum Jugendlichen heran. Den ersten Anwerbeversuch der Staatssicherheit hat er verschlafen. Aus Unverständnis darüber, wie man jemandem in seinem Alter solch eine Bürde auferlegen könnte, andere zu verraten, warf er damals seinen Wecker aus dem Fenster der Plattenbauwohnung.

Auch in der Schule fiel Romanski, oder besser gesagt Clemens, wie er die Hauptfigur seines Romans nennt, eher unangenehm auf. Seine Russisch-, Physik- und Chemiekenntnisse ließen zu wünschen übrig, mehr als einmal begehrte er gegen Autoritäten auf. Dennoch besuchte er die Erweiterte Oberschule, die zum Abitur führte und gehörte damit zur Elite, der das Studium ermöglicht werden sollte. An der EOS lernte er auch seinen besten Freund und Wegbegleiter durch das Erwachsenwerden kennen: Malte. Mit ihm diskutierte er die großen Fragen des Lebens: Was bedeuten Zeit, Heimat und Liebe?

Letztendlich können vielleicht sogar die Worte seiner Liebsten, Claire, auf alle drei Fragen eine Antwort geben. Als der Ausreiseantrag von Claires Familie bewilligt wird, bleiben ihnen 48 Stunden um die DDR zu verlassen. Für Clemens bricht die Welt zusammen, als er Claires Abschiedsbrief im Briefkasten findet. Ihren eigentlichen Brief wird er nie lesen, zu sehr quält ihn der Abschied, sodass er ihn nicht öffnet. Doch die Worte auf dem Umschlag begleiten ihn seither und sagen so viel: „ALLES GEHT“.

Doch bedeutender, wenn auch mit den großen Lebensfragen verknüpft, empfinde ich die kleineren Fragen, Entscheidungen und Verweigerungen, denen Clemens begegnet: Welches Buch möchte ich lesen? Lasse ich mich auf die Verheißungen von ihnen (so seine gängige Umschreibung des SED-Regimes) ein? Bin ich bereit klar zu sagen, was mir in meiner direkten Umgebung nicht passt? All diese Entscheidungen bereiteten eine Entwicklung vor, die ihn zum politischen Menschen wachsen ließ. Es begann mit dem Sammeln von Unterschriften auf dem Schulhof gegen den Einsatz von Kriegsspielzeug. Es folgte die Verweigerung des Wehrdienstes und die Verweigerung gegenüber der staatlichen Autorität.

In bildhafter Sprache schildert Romanski das Leben eines Jugendlichen am Ende der 70er, das sich auch in der DDR um die Sehnsucht drehte – nach neuen Erfahrungen, nach fremden Ländern und nach Liebe. Und er spielt mit der Sprache! Der Roman ist voll von Doppeldeutigkeiten und Anspielungen, von Ironie und versteckter Kritik. Doch eines erzählt er ganz eindeutig: Eine Geschichte von Jugendlichen, die sich nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnen und Frust und Freude mit Karo-Zigaretten vernebeln und fast täglich in zu viel Alkohol ersäufen. Dafür fanden sich überall Möglichkeiten, ob die Mitropa-Gaststätte, die Schüler(-gaststätte) oder der Sumpf, wie die ortsansässige Disco treffend bezeichnet wurde.

Sollten Sie schon Vorkenntnisse über die DDR besitzen und einen Sinn für eine metaphorische, mehrdeutige Sprache haben, wird Ihnen dieses Buch bestimmt sehr viel Freude bereiten. Einen Vorgeschmack gibt hier ja bereits der Titel: Immer der Sonne nach, aber erst gegen Abend.

Das Buch finden Sie unter der ISBN: 9781512192551 in den größeren Online-Buchshops für 14,72 €. Viel Spaß beim Lesen!

 


 

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