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1968 im Osten – was ging uns die Bundesrepublik an?

In Lutz Kirchenwitz` Aufsatz nimmt er deshalb die musikalische Bewegung der sechziger Jahre in der DDR in den Blick. Er stellt die These zu Beginn auf, dass die Jugendkultur in der DDR und der Bundesrepublik zum einen grundverschieden war, zum anderen aber durchaus Berührungspunkte hatte.
von Elke Sieber (07.01.2016)

Lutz Kirchenwitz: 1968 im Osten – was ging uns die Bundesrepublik an? in: APuZ 45/2003,  (abgerufen am 04.01.16).

Lutz Kirchenwitz ist promovierter Kulturwissenschaftler und sitzt dem Verein „Lied und soziale Bewegungen“ in Berlin vor. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Singebewegung in der DDR.

Auch in seinem Aufsatz nimmt er deshalb die musikalische Bewegung der sechziger Jahre in der DDR in den Blick. Er stellt die These zu Beginn auf, dass die Jugendkultur in der DDR und der Bundesrepublik zum einen grundverschieden war, zum anderen aber durchaus Berührungspunkte hatte. Er räumt ein, dass es in der DDR nicht DIE 68er-Generation gab, die gegen die Eltern und die beschwiegene NS-Vergangenheit aufbegehrte. Für die parallele DDR-Generation war der Sozialismus eine Selbstverständlichkeit. Der linken Protestkultur verpflichtet, hoffte man auf mehr kulturelle Offenheit und Diversität und strebte eine Veränderung in den gegebenen Verhältnissen an.

Außerdem weist er darauf hin, dass die Unterschiede der DDR-Jugend zu den 68ern bereits häufig wissenschaftlich untersucht und bestätigt wurden. Jedoch greift er Mühlbergs These auf, dass die Hitlerjungen- und Aufbaugeneration der DDR um die Mitte der 60er Jahre, doch den 68ern des Westens ähnelten. Hierbei ging es in der DDR allerdings nicht um eine Kulturrevolution, aber um die Entwicklung eines neuen kulturellen Milieus.

Dieses kulturelle Milieu manifestiert sich für ihn in der Singebewegung der DDR. Kirchenwitz erklärt, dass sich nicht nur in der Popmusik ein neues Lebensgefühl ausdrückte, sondern gleichfalls sich eine musikalische Protestkultur auch in der DDR entwickelte, die Elemente der populären Musik mit solchen des traditionellen Volksliedes verband. Die musikalische Protestkultur schwappte nach Europa von den Bürgerrechtsbewegungen der Afroamerikaner, der Studentenbewegung sowie Anti-Vietnam-Protesten aus den USA herüber. Amerikanische Künstler wie Joan Baez traten auch in Ost-Berlin auf und inspirierten dortige Liedermacher wie Wolf Biermann zu Songs, die deren Pop-Folklieder imitierten. Aus dieser Zeit ist auch Hartmut Königs Lied „Sag´mir, wo du stehst“, das zum bekanntesten Titel des damaligen Hootenanny- und späteren Oktoberclubs wurde. Im Eulenspiegel-Verlag erschien 1968 sogar eine Platte mit „Protestsongs“.

Dies war möglich durch eine gewisse Offenheit gegenüber den westlichen musikalischen Einflüssen nach dem Mauerbau. Die westlichen Folksongs wurden vom DDR-Regime als bessere Alternative zu den westlichen Rock- und Popsongs angesehen. Auch die  Songs der bundesdeutschen Ostermärsche gegen Atombewaffnung griff der Ost-Berliner Hootenanny-Klub Mitte der sechziger Jahre bei den Mai-Demonstrationen auf. Die Waldeck-Festivals im Hunsrück inspirierten darüber hinaus das Ost-Berliner Festival des politischen Liedes. Die Hootenanny-Bewegung war somit weder oppositionell noch inoffiziell und ließ dennoch ein hohes Maß an Lockerheit und Spontaneität zu.

1967 wurde allerdings eine härtere ideologische Linie eingeschlagen, die Singebewegung wurde nun von der FDJ vereinnahmt, dennoch greift eine Beschreibung der Singebewegung als „Inszenierung einer künstlichen, sozialistischen Jugendkultur“ (Dorothee Wierling: Geboren im 1. Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, S. 331.) laut des Autors zu kurz, da die Vereinnahmung nie vollständig erfolgreich war.

Bei den Liedermachern ereignete sich in Ost wie West eine Splittung in fundamentale Oppositionelle und solche, die einen „Marsch durch die Institutionen“ antraten. Der Oktoberklub hingegen veranstalte jedes Jahr ein „sozialistisches Folksong-Festival“ unter Trägerschaft der FDJ, der Charakter des Festivals war jedoch durch die ehrenamtlichen Helfern geprägt. Somit wurde laut Kirchenwitz das Festival nie zum ausschließlichen Instrument der Politik, sondern  einem „Fenster der Welt“ mit echter Solidarität gegenüber den Ländern der Dritten Welt und Sympathie für die westliche Protestbewegung.

Bild: By G. Bach (Privatarchiv)

 


 

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