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„Keine Gewalt! Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89“

Im folgenden Text stellen wir Ihnen das Dokumentenheft „Keine Gewalt! Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89“ vor, die von der Abteilung Bildung und Forschung herausgegeben wurde. 
von Maria Bartholomäus (08.12.2016)

 

 

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU): „Keine Gewalt! Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89“. Berlin: BStU, 2014.

 

 

BStU als Bildungsinstitution

Die Stasiunterlagen-Behörde, zuständig für die Bewahrung, Verwaltung und Erforschung von Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, versteht sich neben dieser Hauptfunktion auch explizit als Bildungsinstitution. In diesem Zusammenhang gibt die Behörde regelmäßig Materialien für den Schulunterricht, Handreichungen für Lehrer sowie weitere wissenschaftliche Publikationen heraus. Im folgenden Text stellen wir Ihnen das Dokumentenheft „Keine Gewalt! Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89“ vor, die von der Abteilung Bildung und Forschung herausgegeben wurde.

 

Opposition des Volkes

Beeinflusst von Entwicklungen wie u.a. dem beginnenden Grenzabbau Ungarns zu Österreich, der kürzlich wieder nachgewiesenen Fälschung von Kommunalwahlen sowie der permanenten mangelhaften Versorgungslage nahmen im Herbst 1989 die öffentlichen Proteste der DDR-Bevölkerung gegen das bestehende System immer mehr zu. Es formierte sich eine stetig wachsende Opposition, die regelmäßig und lautstark auf die Straßen ging und sich so (auch über die Grenzen der DDR hinaus) Gehör verschaffte: „Keine Gewalt!“ riefen DDR-Bürger als Reaktion auf das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegenüber den überwiegend friedlichen Demonstranten. Die Publikation stellt die Ereignisse vom Herbst 1989 mit Hilfe von authentischen Dokumenten dar, begleitet von kontextgebenden Einführungstexten. Die Broschüre beginnt mit Unterlagen zu den Protesten rund um den 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 und endet am 4. November mit der größten nicht-staatlich organisierten Demonstration der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz.

 

Gliederung

Die Publikation gliedert sich in folgende Kapitel:

 

  • Volksfeste „40 Jahre DDR“: Ankündigungen zu Mahnwachen für politische Gefangene in der Gethsemanekirche Berlin, Bericht zum Sicherungseinsatz anlässlich des Zentralen Volksfestes40 Jahre DDR
  • „Oppositionelle Sammlungsbewegungen“: Resolution des Deutschen Theaters an Erich Mielke (Minister für Staatssicherheit), Maßnahmenplan zur „operativen Durchdringung und Bearbeitung der sog. Bürgerinitiative „Neues Forum“ der Stadt Erfurt“
  • Demonstrationen überall: Aufruf der Bürgerinitiative NEUES FORUM Schwerin, Einschätzung des MfS zu “Entwicklungen im Prozess der Formierung antisozialistischer Sammlungsbewegungen“
  • Der 4. November 1989: Demonstrationsaufruf für den 4. November, Besprechungsnotizen von Mielke-Stellvertreter Schwanitz zur Demo, Befehl von E. Krenz über "Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung", Bericht zum Sicherungseinsatz am 4. November 1989, Forderungen auf der genehmigten Demonstration

 

Ungefilterter Einblick ins zeitgeschehen

Trotz des geringen Zeitraums, der in dem Heft abgebildet wird, gelingt es bei der Lektüre jedoch aufgrund der Dichte und hohen Aussagekraft der historischen Dokumente, einen sehr realistischen Eindruck der damaligen angespannten Situation zu erhalten. Besonders die Augenzeugenberichte von Demonstranten, die sehr detaillierte Beschreibungen von Inhaftierungen und Verhören enthalten, ziehen den Leser durch ihre Authentizität sofort in den Bann. Besonders eindrucksvoll sind die in Sprachgebrauch und Form komplett gegensätzlichen Dokumente von Oppositionellen einerseits und Berichten oder Anweisungen des MfS andererseits. Dennoch steht man als Leser vor der Herausforderung, die Texte eigenständig zu deuten, da bis auf die einleitenden Passagen wissenschaftliche Kommentare gänzlich fehlen. Doch genau diese Tatsache macht die Publikation zu einer überaus lehrreichen Materialsammlung, da die eigenständige Reflektion der authentischen Dokumente einen nachhaltigen Wissenserwerb ermöglicht. Dem Credo „Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten“ des Bundesbeauftragen Roland Jahn folgend gibt das Dokumentenheft einen ungefilterten Einblick in die Entwicklungen, die die deutsche Einheit, maßgeblich ausgehend von der DDR-Bevölkerung, herbeiführten.

 

Das Heft ist kostenlos und kann über die Webseite der Behörde bestellt werden und ist ebenfalls als PDF-Dokument abrufbar.

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