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Gitta Scheller: Partner- und Eltern-Kind-Beziehung in der DDR und nach der Wende

Im vorliegenden Aufsatz untersucht die Autorin die Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen in der DDR und die Veränderungen nach der Wende. Sie geht dabei der These von einer „Intensivierung nach innen“ (René König) nach, die in der Literatur gegensätzlich aufgenommen wird. von Elke Sieber (19.01.2017)

Gitta Scheller: Partner- und Eltern-Kind-Beziehung in der DDR und nach der Wende, in: http://www.bpb.de/apuz/28354/partner-und-eltern-kind-beziehung-in-der-ddr-und-nach-der-wende?p=all , abgerufen am 18.01.2017.

Im vorliegenden Aufsatz untersucht die Autorin die Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen in der DDR und die Veränderungen nach der Wende. Sie geht dabei der These von einer „Intensivierung nach innen“ (René König) nach, die in der Literatur gegensätzlich aufgenommen wird. Nach Jutta Gysis Rückzugsthese war die staatliche Durchdringung des Privatlebens tatsächlich damit verbunden, dass DDR-Bürger sich von den politischen Werten immer mehr distanzierten und in ihre private „Nische“ und in die Familie als Synonym für Privatsphäre zurückzogen. Sie geht von einer Emotionalisierung der privaten Beziehungen aus. Norbert Schneider vertritt hingegen die Instrumentalisierungsthese. Er konstatiert der Familie nicht die abgeschottete und gänzlich private Lebenswelt, die Rückzug vom Staat bot und emotionalisierte Beziehungen ausbildete, sondern spricht bei der Familie von einer „Versorgungs- und Erledigungsgemeinschaft“, die von ihren Mitgliedern nicht selten instrumentalisiert und aufrechterhalten wurde, um Nutzen daraus zu ziehen.

Nachdem Scheller die beiden Thesen erläutert hat, stellt sie ihre eigene auf, die die beiden Extreme revidieren soll: Die Familie in der DDR war weder Sozialidylle noch reine Erledigungsgemeinschaft. Jedoch konstatiert auch sie, dass der „Familiensinn“ - eine gefühlsbetonte, auf die Persönlichkeit von Partner und Kind ausgerichtete Beziehungsstruktur - in der DDR weniger ausgeprägt war. Sie geht von einer Versachlichung der Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen aus, die in einem Bedeutungswandel der privaten Beziehungen in der DDR ihre Ursache haben.

Sie führt dies zum einen darauf zurück, dass Ehe und Familie sich nahezu alle Aufgabenbereiche mit anderen Institutionen teilten. Sozialisationsaufgaben übernahmen frühzeitig beispielsweise auch Kinderkrippen und jeder war in verschiedene Kollektive eingebunden, die auch für die Freizeitgestaltung eine große Rolle spielten. Außerdem wäre durch die umfangreiche Speisung in Schulen und Betrieben auch das gemeinsame Kochen und Essen der DDR-Familie als Bindungselement entfallen sowie die wirtschaftliche Versorgungsfunktion der Ehe durch die fast vollständige Erwerbstätigkeit von Frauen in der DDR.

Hinzu zur Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile kam darüber hinaus ein großer Zeitaufwand für die Alltagsorganisation in der DDR, der an der Beziehungspflege der Partner untereinander und zu ihren Kindern eingespart werden musste. Da die ökonomische und emotionale Abhängigkeit in der DDR wesentlich geringer war als in der Bundesrepublik, prägte sich die Familie als „Wir-Gruppe“ nur schwächer aus und führte zu einer größeren Sachbezogenheit der Eltern-Kind-Beziehung. So hätte die Kindererziehung weniger Raum für kinderspezifische Bedürfnisse geboten und wäre mehr auf Gehorsam, Disziplin, Gefühlsunterdrückung und eine frühe Anpassung an die Erwachsenenwelt ausgelegt gewesen. Diese Versachlichung macht Scheller an nüchternen Schilderungen zur Geburt und einer frühen außerhäuslichen Kinderbetreuung fest. Sie geht davon aus, dass sachliche Notwendigkeiten Gefühle in den Hintergrund treten ließen, jedoch keinesfalls emotionalisierte Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen in der DDR nicht existierten, sondern mit den sonstigen Anforderungen an die Familie vereinbart werden mussten.

Zusätzlich weist die Autorin darauf hin, dass das Bedürfnis nach emotionalen Beziehungen auch außerhalb der Familie befriedigt wurde, da Arbeitskollektive enge soziale Kontakte boten und auch die Nachbarschaft sich zur Notgemeinschaft mit großer Solidarität entwickelte. Durch die Geborgenheit in der Gemeinschaft wurde die Grenzziehung zwischen Familie und familienfremden Personen abgeschwächt. Die anderen Bezugspersonen relativierten die emotionale Verbundenheit von Ehepartnern sowie Eltern und Kindern.

Scheller geht weiter davon aus, dass die Wohnbedingungen Einfluss auf die Entfaltung gefühlsbetonter Beziehungen haben. Die Wohnung müsse eine von der Außenwelt geschützte Intimsphäre ermöglichen und individuelle Freiräume bieten. Beides sieht sie unter den teilweise verheerenden Wohnbedingungen in der DDR als nicht gegeben an. Seien es die Schäden an Altbauten, die Energie raubten oder die hellhörigen und enggebauten Plattenbauten, Spannungen waren vorprogrammiert, es fehlte an Rückzugsfläche. Oftmals lebten junge Familien sogar aufgrund der Wohnungsknappheit mehrere Jahre bei den (Schwieger-)Eltern.

Scheller zeichnet hier ein sehr trostloses Bild der Ausgangslage und Gefühlswelt ostdeutscher Familien, das vermutlich noch mal einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollte. Im zweiten Teil konzentriert sie sich auf die Veränderungen mit und nach der Wiedervereinigung, als Erziehungsaufgaben zurück an die Familie fielen, eine Entsolidarisierung im Erwerbsleben und in der Gemeinschaft auftrat und Wohnverhältnisse sich änderten.

Dadurch dass die Zuständigkeit für die Erziehung zurück an die Familie fiel und die Verantwortung der Eltern stieg, geht Scheller von einem Überdenken der Erziehungsziele aus, die die Sichtweise des Kindes „als Subjekt mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen“ stärker betonten und eine weniger autoritäre als eher partnerschaftliche Erziehung formten. Dennoch sieht die Autorin auch Kontinuitäten: Ostdeutsche Mütter seien öfter erwerbstätig, weniger auf ihre Kinder und das „Monopol auf eine exklusive emotionale Bindung zu ihrem Kind“ fixiert und wollten unabhängiger sein als westdeutsche Mütter.

Die Veränderungen in der Berufswelt sieht Scheller als großen Einflussfaktor insbesondere auf die partnerschaftliche Beziehung. Durch das größere Konkurrenzdenken bei der Arbeit würde der Partner derjenige, bei dem Geborgenheit und Verständnis gesucht würde. Bei Arbeitslosigkeit und beruflichem Abstieg wäre die Familie geradezu Bollwerk bei der Bewältigung der Vereinigungsfolgen.

Doch auch die veränderten Wohnverhältnisse mit neuem Wohnkomfort und mehr Rückzugsflächen würden ihren Anteil dazu beitragen, dass die „Kultivierung familiärer Intimität“ wieder an Bedeutung gewonnen hätte.

Schellers soziologische Untersuchung basiert auf diversen empirischen Studien und Interviews, dennoch zeichnet sie meiner Meinung nach ein zu negatives Bild über die Familiensituation in der DDR, das sich letztlich nicht weit von der Instrumentalisierungsthese entfernt. Dennoch ein spannender Aufsatz der Fragen aufwirft und Interesse weckt, sich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen.

 


 

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