Musikgeschichte

Frisch auf ins weite Feld - erste AMIGA Folk-LP

1980 erschien die erste AMIGA-Langspielplatte mit Aufnahmen von DDR-Folkbands. Ihr Titel "Frisch auf ins weite Feld" war durchaus programmatisch zu verstehen: Von der Szene, die sich 1976 an einem Werkstatt-Wochenende in Leipzig zusammengefunden hatte, lag tatsächlich ein weites Feld.
von Admin (08.11.2016)

1980 erschien die erste AMIGA-Langspielplatte mit Aufnahmen von DDR-Folkbands. Ihr Titel "Frisch auf ins weite Feld" war durchaus programmatisch zu verstehen: Von der Szene, die sich 1976 an einem Werkstatt-Wochenende in Leipzig zusammengefunden hatte, lag tatsächlich ein weites Feld.

Aus einem Dutzend Bands waren 25 geworden, gern gesehene Gäste in Studenten- und Jugendklubs. Folkfestivals in Berlin, Erfurt, Ilmenau, Hoyerswerda oder Schmalkalden brachten eine größere Öffentlichkeit. Auch internationale Kontakte hatte man geknüpft, zum Beispiel beim Festival des politischen Liedes in Berlin. Mehrere Bands hatten Liederhefte herausgebracht und Titel im DDR-Rundfunk eingespielt. Enthusiasten war es gelungen, den altdeutschen Dudelsack zu rekonstruieren. Es sprach sich herum, dass Volkstanz großen Spaß macht, wenn man ihn selber tanzt.

Diese erste Langspielplatte, ein Sampler mit 16 Tracks, war eine Art Visitenkarte des neuen Volksliedverständnisses der Szene – in Abgrenzung vom Schönklang der Chöre und Kunstliedsänger und vom volkstümelnden Kitsch mancher Ensembles. Anregung kam dagegen von bundesdeutschen Vorbildern wie Hannes Wader, Liederjan oder Zupfgeigenhansel. Das Platten-Cover gestaltete der Grafiker Jürgen B. Wolff, zugleich ein führender Kopf des ostdeutschen Folk-Revivals. 22 000 Stück wurden von der LP verkauft. Ihr folgten beim Monopolbetrieb VEB Deutsche Schallplatten bis 1990 nur 13 weitere, für die Szene deutlich zu wenig, doch Materialknappheit ließ wohl nicht mehr zu.

Fünfmal auf der LP vertreten sind die Folkländer aus Leipzig, mit dem titelgebenden "Frisch auf ins weite Feld", zwei Bauernliedern, einer Räuberballade und einer Volkstanzweise. Das Duo Piatkowski & Rieck aus Rostock steuerte vier niederdeutsche Lieder bei, das bekannte "Dat du min Leevste büst", dazu ein Liebeslied aus dem 16. Jahrhundert sowie zwei Stücke des bundesdeutschen Liedermachers Helmut Debus. Mundartliches aus dem Thüringer Wald brachte die Folkloregruppe der Erweiterten Oberschule aus Neuhaus am Rennweg: ein Arbeitslied der Flößer und ein Scherzlied, dazu ein Preislied auf den Bauernstand aus dem 16. Jahrhundert. Wacholder aus Cottbus ist mit einem Tanzlied und einer Soldatenklage vertreten, die Gruppe Plus aus Leipzig mit einem nachgedichteten Song der britischen Folkrock-Band Steeleye Span.

"Frisch auf ins weite Feld" ist ein fröhliches Lied wandernder Handwerksgesellen aus dem 19. Jahrhundert. Unter DDR-Verhältnissen bekam es einen doppelten Boden. Das Publikum verstand genau, was gemeint war, wenn es in einer Strophe hieß:

"Ein wohlgereister Mann,

der in der Welt gewesen ist,

der etwas weiß und kann,

von dem ist viel zu halten

bei Jungen und bei Alten,

ich selbst halt' viel davon."

Wer in der DDR, abgesehen von Seeleuten, Spitzensportlern oder sonstigen Berühmtheiten, gehörte schon zu den wohlgereisten Leuten und konnte von sich sagen, "in der Welt gewesen" zu sein?

 

Mehr zum Thema DDR-Folkszene von 1976-1990 und VEB Deutsche Schallplatte findet sich im Buch „Volkes Lied und Vater Staat“ von Wolfgang Leyn (Christoph Links Verlag, 2016).

 

Gastbeitrag von Wolfgang Leyn

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