Das Kinder- und Jugendzimmer - Teil 3: Von der Arbeit des Kuratoren-Teams

Immer wieder saßen wir zusammen, und haben auf dem Bildschirm Fotos durchlaufen lassen: Tapetenmuster, Lampen, Schrankwände, Gardinen, Kinderbetten, Spielzeug und vieles Andere. Manches wurde gleich verworfen, manches in die engere Wahl genommen – und schließlich musste aus der Vielzahl der Varianten eine ausgewählt werden. Bei aller Unterschiedlichkeit war es doch immer die gleiche Frage: Was ist typisch für ein Kinder- und Jugendzimmer einer WBS-70-Wohnung Mitte der achtziger Jahre? Oft stießen sich die lebendigen Erinnerungen mit den Fotodokumenten aus Zeitschriften und Büchern, aber auch mit den Privatfotos aus unserer Sammlung. Immer fand sich jemand, der meinte, das sah in seinem Zimmer ganz anders aus. Die Neubauwohnung mit der Standardschrankwand ist eine Typisierung am Rande der Einseitigkeit. Viele Menschen haben ganz anders gewohnt und sich auch das Kinder – oder Jugendzimmer ganz anders gestaltet. Und doch kommt man im Museum ohne Typisierung nicht aus. Darstellbar ist im Museum immer der Einzelfall, nicht die abstrakte Verallgemeinerung. Jede Entscheidung ist insofern auch immer Verzicht auf abweichende Möglichkeiten. So ergab sich schließlich eine Inszenierung des Kinder- und Jugendzimmers, die wir selbst zum Idealtypischen erklärt haben.
von Dr. Stefan Wolle (15.11.2016)

Immer wieder saßen wir zusammen, und haben auf dem Bildschirm Fotos durchlaufen lassen: Tapetenmuster, Lampen, Schrankwände, Gardinen, Kinderbetten, Spielzeug und vieles Andere. Manches wurde gleich verworfen, manches in die engere Wahl genommen – und schließlich musste aus der Vielzahl der Varianten eine ausgewählt werden. Bei aller Unterschiedlichkeit war es doch immer die gleiche Frage: Was ist typisch für ein Kinder- und Jugendzimmer einer WBS-70-Wohnung Mitte der achtziger Jahre? Oft stießen sich die lebendigen Erinnerungen mit den Fotodokumenten aus Zeitschriften und Büchern, aber auch mit den Privatfotos aus unserer Sammlung. Immer fand sich jemand, der meinte, das sah in seinem Zimmer ganz anders aus. Die Neubauwohnung mit der Standardschrankwand ist eine Typisierung am Rande der Einseitigkeit. Viele Menschen haben ganz anders gewohnt und sich auch das Kinder – oder Jugendzimmer ganz anders gestaltet. Und doch kommt man im Museum ohne Typisierung nicht aus. Darstellbar ist im Museum immer der Einzelfall, nicht die abstrakte Verallgemeinerung. Jede Entscheidung ist insofern auch immer Verzicht auf abweichende Möglichkeiten. So ergab sich schließlich eine Inszenierung des Kinder- und Jugendzimmers, die wir selbst zum Idealtypischen erklärt haben.

Wer den Raum betritt soll sich in die achtziger Jahre der DDR zurückversetzt fühlen. Dazu hatten wir uns ein Höchstmaß an Authentizität auferlegt. Alle Objekte sind echt oder wenigstens so nachgebaut, dass sie echt wirken. Dennoch ist die genaue Nachstellung bloß die eine Ebene der Präsentation gewesen – und bei allem Aufwand die weniger schwierige Aufgabe. Unser Anspruch war darüber hinaus gehend, die Inszenierung der Erfahrungswelt eines siebenjährigen Mädchens und ihres etwa sechzehnjährigen großen Bruders darzustellen. Erfahrungswelt ist allumfassend gemeint: Es geht um die Wünsche, Träume, Hoffnungen, Zukunftsvorstellungen und Ängste. Diese waren noch weit vielfältiger als die unterschiedlichen Tapetenmuster und die Farbabstufungen der Auslegware. Wir haben uns in bester DDR-Tradition für eine dialektische Herangehensweise entschieden und  viele Jugendthemen in ihrer Gegensätzlichkeit dargestellt. Denn die Welt der Kinder und Jugendlichen war nur scheinbar idyllisch. Von früh an griff der Staat nach den „Herzen und Hirnen“ – in der Tat war das eine oft benutzte Ausdrucksweise. Die Kinder und Jugendlichen sollten gehegt und gepflegt werden wie Pflanzen in einer Plantage, damit sie eines Tages groß und kräftig werden und reiche Frucht tragen. Zu dieser Gärtnerideologie gehörte natürlich auch der Anspruch, das Unkraut zu jäten.

Dabei waren die vermittelten Ideale nicht automatisch falsch. In den Liedern, den Schulbüchern und Kinderzeitschriften wurde stets die Völkerfreundschaft und der Frieden propagiert. Die Friedenstaube – am Rande bemerkt ein biblisches Symbol –  war in weit höherem Maße präsent als die sozialistische Symbolik im engeren Sinne. Auch allgemeine menschliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Achtung vor den Eltern finden sich in den Geboten der Jungen Pioniere und im Gelöbnis zur Jugendweihe.

Irgendwann kam der Zusammenstoß zwischen Ideal und Wirklichkeit – und diesen galt es museal zu inszenieren. Irgendwann hieß es für Jeden: „Sag mir, wo du stehst!“ – wie es in dem bekannten Song von Harmut König heißt. Anpassung oder trotziges beiseite Stehen, Heuchelei oder Ehrlichkeit, Jugendweihe oder Konfirmation, Eintritt in die FDJ oder Verzicht auf die gerade Bahn zur Erweiterten Oberschule und zum Abitur. Der Besucher soll dies nachvollziehen können anhand der Schubladen in der Schrankwand. Er kann die Platte nach rechts oder links schieben, den geraden oder den krummen Weg gehen, sich anpassen oder den Konflikt durchstehen. Natürlich ist auch dieses Prinzip eine Typisierung. Das Leben war auch in der DDR komplizierter. Der Weg war schon in der Kindheit gepflastert mit faulen Kompromissen oder Momenten kluger Zurückhaltung – wer kann dies immer genau auseinanderhalten.  Unter ganz anderen Umständen sind auch heute Jugendliche in Entscheidungssituationen gestellt. Unsere interaktiven Inszenierungen sind also nicht einseitig auf das Verständnis der Vergangenheit gerichtet. Sie sollen, ohne vordergründige Parallelität, auch dazu dienen, heutige Jugendliche zum Nachdenken über Freiheit, Demokratie und Diktatur anzuregen.

 

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